Unterweisung Zazen


Körperhaltung

Sie sitzen auf einem etwa 12 cm dicken, runden Kissen (Anmerkung Br. Daniel: Keine Angst, bei uns haben Sie auch die Möglichkeit auf einem Meditationsbänkchen zu sitzen), das unmittelbar auf dem Fussboden oder einer Decke/Matte liegt. Dabei legen Sie den rechten Fuss auf den linken Oberschenkel und den linken Fuss auf den rechten Oberschenkel. Der Oberkörper ist ganz senkrecht zu halten, desgleichen der Kopf in der Verlängerung der Rückenwirbelsäule, so dass sich die Nasenspitze senkrecht über dem Nabel befindet. Diese Haltung ist am Anfang meist schwierig, aber sie sollte doch so ausgeführt werden, dass nirgends eine Spannung auftritt, sondern der ganze Körper entspannt ist. Dies ist die für zazen vorgeschriebene Haltung, Lotus-Sitz genannt (kekka). Ist Ihnen diese Stellung zu schwierig, so können Sie diese in der Weise verändern, dass Sie nur einen Fuss auf den gegenüberlegenden Schenkel legen und den anderen unter dem gegenüberliegenden Schenkel liegen lassen: Halblotus-Sitz. Der Fuss sollte dabei möglichst an den Körper herangezogen werden, aber doch so, dass man nicht darauf sitzt. Eine noch mildere Stellung ist der Viertellotus-Sitz: Der eine Fuss liegt auf der Wade des anderen Beins, der andere unter dem gegenüberliegenden Bein. Ihre Augen sind ein wenig geöffnet auf einen etwa 1 m entfernten Punkt am Boden gerichtet oder auf die Wand, wenn man nahe vor einer Wand sitzend meditiert. Die Blickrichtung auf einen Punkt ist keinesfalls eine Konzentration nach aussen. Ihre eigentliche Konzentration muss nach innen gerichtet sein. Die Augen werden nur deshalb offen gehalten, weil die Gefahr von störenden Vorstellungen leichter gebannt werden kann. Wer schöne Bilder und Erlebnisse anstrebt, sollte seine Augen schliessen, doch kann man bei ihm nicht mehr von Zen-Meditation sprechen. Im Zen werden alle Ablenkungen streng bekämpft. Vielen von Ihnen wird es sehr schwer fallen, ohne jeglichen Inhalt, ohne irgendeine Vorstellung zu meditieren. Der Meister wird Sie führen und anleiten, damit Sie immer tiefer in die Meditation hineinkommen.

Atmung als Weg zum wachen Nichtdenken

Eine der wichtigsten Voraussetzungen des Hineinkommens in die Meditation ist die richtige Atmung. Ihre Atmung geschieht grundsätzlich durch die Nase und sollte Tiefatmung, d. h. Zwerchfellatmung sein. Der Atem selbst soll tief und ruhig sein. Machen Sie zwischen Einatmen und Ausatmen keine längere Pause und halten Sie den Atem niemals an. Lassen Sie ihren Atem immer fliessen. Mit der beschriebenen Zwerchfellatmung fördern Sie ihren Blutkreislauf und beruhigen Ihre Nerven. Nachdem Ihr Körper einmal zur Ruhe gekommen ist, finden Sie auch leichter in einen seelischen Ruhezustand, der für die Meditation so notwendig ist.
Damit Sie während der Meditation möglichst schnell von Ihren Gedanken, Vorstellungen und Bildern loskommen, empfehle ich zunächst die Konzentration auf den Atem. Sie können entweder die Atemzüge zählen oder, ohne sie zu zählen, nur auf sie achten. Sie zählen immer nur von 1 bis 10 und dann wieder von vorn. Auf die ungeraden Zahlen 1,3,5,7,9 zählt man das Einatmen und auf die geraden Zahlen 2,4,6,8,10 das Ausatmen. Man kann jedoch auch nur das Einatmen gegen die Zerstreuung oder nur das Ausatmen gegen die Schläfrigkeit zählen. Wenn Sie sich ohne zu zählen auf den Atem konzentrieren, folgen Sie gewissermassen dem Atem im Geiste - beim Ein-atmen nur auf das Einatmen und beim Ausatmen nur auf das Ausatmen achtend.

Die Konzentration auf den Atem ist uralt und soll bis auf Buddha oder gar noch weiter zurückgehen. Es hat für seinen Zweck, allmählich alles andere auszuschalten und innerlich zur Ruhe zu kommen, eine überraschend gute Wirkung, und ist für den Anfang durchaus anzuraten.

Sie dürfen das Zählen des Atems nicht oberflächlich betreiben. Für Sie darf nichts mehr wichtig sein, als das Zählen selbst - von eins bis zehn. Wenn Sie beim Zählen des Atems immer tiefer in die Meditation hineingeraten, kann es auch bei solch einer Übung zur Erleuchtung kommen.

Wer in der Zen-Meditation noch wenig eingeübt ist, sollte in der Anfangszeit nur auf seinen Atem achten.

Schwierigkeiten mit dem Nichtdenken

Ihre äussere Haltung ist notwendig für die Vorbereitung des Körpers zur Meditation. Wenn der Atem richtig fliesst und die Wirbelsäule aufrecht gehalten wird, kommt der Blutkreislauf in Ordnung. Zazen ist im allgemeinen für die körperliche Gesundheit sehr gut. Leute, die Zen praktizieren, können ein hohes Alter erreichen. Die innere Haltung ist aber das Wichtigste und der unmittelbare Zweck der Körperhaltung und Atmung. Die Schwierigkeit liegt in der Loslösung von sämtlichen Gedanken. Meister Dogen (1200-1253), der Gründer der japanischen Soto-Schule, drückt es so aus: »Denke das Nichtdenken ! «

In Japan gibt es zwei verschiedene Zen-Schulen, Soto und Rinzai. In der Soto-Schule übt man Zazen ohne Zweck und Zielvorstellung. Dabei wird das Gesicht zur Wand gekehrt. Im Rinzai arbeitet man mit dem Koan, während man sich dem Raum zuwendet. Wir sitzen während des Zazen ebenfalls mit dem Gesicht zur Wand wie im Soto und üben mit dem Koan wie in der Rinzai-Schule.

Das Denken ohne Gegenstand wird Ihnen am Anfang nicht leicht fallen. Mit zunehmender Übung werden Sie verstehen, was gemeint ist. Auf keinen Fall sollten Sie dösen oder gar einschlafen. Wenn Sie zu der inneren Haltung gelangen, wo das aktive Denken aufhört, dringen Sie allmählich in die Tiefe der Stille ein. Normaler-weise würden Sie sicherlich sagen, dass das rationale Denken das Höchste des Menschen ist. Wenn Sie aber einmal nur für einen kurzen Augenblick in den Zustand der tiefen Stille gelangt sind, werden all Ihre theoretischen Schwierigkeiten mit dem Nichtdenken beseitigt sein. Vertrauen Sie sich der Führung des Zen-Meisters an. Der Zen-Meister verfügt über einen praktischen Menschenverstand und weiss durchaus mit den Dingen des täglichen Lebens fertig zu werden.

Nicht alles Geistige ist messbar. Es gibt zuweilen Leute, vor allem Wissenschaftler, die an und für sich der Meditation positiv gegenüberstehen, und die selbst diesen Vorgang messen wollen, der sich nicht messen lässt. Wir müssen immer unterscheiden zwischen der so genannten Psyche und dem eigentlichen Geist. Das klassische Ziel von Zen und Yoga ist immer das rein Geistige gewesen. Das verbindet sie auch mit dem Christentum. Daraus erklären sich auch die höchsten Erfahrungen. Im Yoga beispielsweise gibt es eine Reihe von Voraussetzungs- Übungen, die für unsere Erfahrungen wertvoll sein können. Auf der letzten Stufe jedoch ist die vollkommene Stille das Wichtigste.

Auszug von:

ZEN-Unterweisung
von Hugo M. Enomiya-Lassalle

ISBN-13: 978-3466202850

Kösel-Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München, 5. Auflage 1999






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